Meine mündliche Prüfung im ersten Staatsexamen | Pt. 2

Meine mündliche Prüfung im ersten Staatsexamen | Pt. 2

Aus der Ferne versuche ich zu erkennen, ob bereits einer meiner Leidensgenossen da ist, ob ich sie vor dem Gericht stehen sehe. Wir haben uns im Vorfeld getroffen, kennengelernt, ein wenig ausgetauscht, vermeintliches Insiderwissen über die Prüfer geteilt. Es beruhigt zu wissen, wer da gleich mit mir mehrere Stunden in dem Raum sitzt und bangt. Ich sehe niemanden dort stehen, vielleicht sind sie drinnen? Vor der riesigen Tür des Landgerichts angekommen, schaue ich mich nochmal um und beschließe reinzugehen. Aber die Tür ist verschlossen. Ich versuche nochmal und nochmal sie zu öffnen, aber sie lässt sich nicht bewegen.

Ich schaue auf meine Uhr, es ist kurz vor 8, ab halb 9 sollen wir uns vorstellen. Wieso ist diese Tür verschlossen? Und wieso ist außer mir niemand da? Kurz darauf sehe ich, wie sich ein Auto nähert, in ihm sitzt eins der Mädchen, das mit mir Prüfung hat. Sie steigt aus, irgendwie ist sie sehr blass. Verständlich. Auch sie hat keine Ahnung, wie man hier reinkommt. Wenig später trudeln die anderen Beiden ein, ein Mädchen und ein Typ, wir sind heute zu viert.

So stehen wir irgendwie ratlos da, es ist inzwischen zehn nach acht, wir sind schon um das Gebäude rum gelaufen, aber da ist sonst kein Eingang. Ein Auto hält vor dem Gericht, ein Mann steigt aus, es ist scheinbar einer unserer Prüfer. Er fragt, ob die Tür verschlossen sei, wir bejahen das … und er geht. Einmal in eine Seitenstraße rein und weg ist er. Wir bleiben sichtlich verwirrt zurück, kurz darauf wird der Eingang von innen aufgeschlossen. Wir werden in den zweiten Stock geschickt, ich hieve diesen monströs schweren Koffer irgendwie hoch, einen Aufzug gibt es nicht. Oben angekommen bin ich völlig außer Atem, auf dem Flur stehen vier Stühle, eine Frau kommt aus einem der zahllosen Räume entlang des Flurs, fragt nach unseren Namen und hakt etwas auf ihrem Klemmbrett ab. Den Gang entlang höre ich Schritte, ein weiterer Typ im Anzug kommt auf uns zu, er ist ungefähr genauso alt wie wir. Er habe mit uns Prüfung, verkündet er, er habe sich keine Protokolle runtergeladen, es sei sein Verbesserungsversuch, er mache sich keinen Stress, deshalb wussten wir nichts von seiner „Existenz“. Ich unterhalte mich ein bisschen mit ihm, er ist sehr nett, er hat irgendwie eine beruhigende Aura, erzählt mir von seiner vorherigen mündlichen Prüfung, gibt ein paar gute Tipps.

Die Tür des Prüfungssaals geht auf, wir werden nacheinander reingerufen zur Vorstellung. Der Vorsitzende bittet mich herein, in dem Raum stehen Tische in einer Reihe, darauf Namensschilder, direkt gegenüber ein großer Tisch mit drei Stühlen für die Prüfer. Ich kann meine Sache bereits abstellen, setze mich hin, wir unterhalten uns. Im ersten Moment bin ich unheimlich aufgeregt, die ersten Worte etwas zittrig, aber dann ist die Aufregung weg. Das Gespräch ist sehr angenehm, wir reden darüber, ob und wie zufrieden ich mit meiner Note aus dem schriftlichen Examen bin, was ich mir notentechnisch vorstelle, wir machen ein paar Witze und schon darf ich wieder gehen. Ich fühle mich plötzlich so ruhig, das wird gar nicht so schlimm, ich bekomme das hin.

Ich versuche die anderen ein wenig zu beruhigen, ich war als Eine der Ersten dran. Irgendwann werden wir alle reingerufen, nehmen Platz und dann geht es auch schon los. Wir beginnen mit Zivilrecht, die Prüferin diktiert uns einen Fall. Kaufrecht, unheimliche viele Personen, wir versuchen alle mitzuschreiben, kommen aber kaum mit, schauen uns ein wenig verzweifelt an. „Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen“, spreche ich mir gedanklich Mut zu. Der Fall ist an sich nicht allzu kompliziert, aber verwirrend, warum teilt sie uns nicht einfach eine Kopie aus? Wir prüfen der Reihe nach durch, es klappt semi-gut, wir sind alle verwirrt, müssen mehrmals nachfragen, weil wir die Beteiligten durcheinander bringen. Sie reagiert aber nicht negativ auf Nachfragen, immer sehr freundlich, ganz anders als im Protokoll beschrieben. Da wurde sie als kühl, distanziert und sehr sachlich charakterisiert, so empfinde ich das gar nicht, am Ende ist es eben doch nur eine subjektive Meinung. Es läuft für mich ganz gut, ich gebe ein paar gute Antworten, ernte zustimmendes Nicken. Während andere an der Reihe sind, fällt mir mein Prüfer für Öffentliches Recht ins Auge, er schreibt irgendwas fleißig auf, blättert im Gesetz. Macht er sich wirklich jetzt erst Gedanken über die Fragen, die er uns gleich stellt?

Wir werden knapp mehr als eine Stunde in Zivilrecht geprüft, die Zeit vergeht so schnell, am Ende sprechen wir noch ein wenig über ZPO. Dann machen wir eine kurze Pause, durchatmen, sich sammeln. Ich esse kurz was, ein Hoch auf mein süßes Teilchen, dann geht es weiter mit Öffentlichem Recht. Wir sprechen in der Tat fast ausschließlich über aktuelle Politik, zu diesem Zeitpunkt war Merkel gegen Seehofer ganz aktuell, wir nehmen Art. 65 GG auseinander. Ich habe zwei Tage zuvor einen Artikel genau darüber gelesen, ich komme also gut mit und kann auf fast alles antworten. Gegen Ende schweifen wir kurz Richtung Verwaltungsrecht ab, hier wird’s kurz holprig, die Fragen erscheinen mir zu simpel, es kann doch nicht sein, dass die Antwort so einfach ist. Tja, Chance vertan, mein Kollege nutzt die Gelegenheit und antwortet. Ich versuche daraus zu lernen und beim nächsten Mal einfach zu antworten, nicht zu viel nachdenken. Plötzlich ist die Zeit wieder abgelaufen, wir dürfen kurz raus, dieses Mal eine etwas längere Pause. Die Anderen fanden die Prüfung schrecklich, ich fand es okay, ich stellte mir Öffentliches Recht wesentlich schlimmer vor, malte mir Horroszenarien aus, wie ich keine einzige Fragen beantworten kann – da lief es gerade vergleichsweise bestens. Dann die letzte Runde – Strafrecht. Als wir reinkommen, wird jedem ein Blatt ausgeteilt, es sind kleine Fälle. Ich überfliege sie kurz und mache innerlich Freudensprünge, es ist tatsächlich Allgemeiner Teil. Ich fühle mich sicher, das kann ich gut. Wir prüfen wieder der Reihe nach durch, es läuft wirklich sehr gut. Mittendrin bricht der Prüfer ab, er meint, er habe sich ein Bild machen können, das reiche ihm schon, wir sollen draußen warten, sie beraten sich jetzt. Ein wenig verunsichert verlassen wir den Raum, ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen?

Und sie beraten sich ewig. Ich sitze draußen und bin plötzlich wieder sehr nervös. Mein Herz schlägt so schnell, die Zeit vergeht im Schneckentempo. Nach circa 20 Minuten werden wir wieder reingerufen, nehmen Platz. Ob es für uns okay sei, wenn die Noten laut verkündet werden. Ich nicke, mir ist alles egal, ich will nur das Ergebnis hören. Sie verlesen der Reihe nach, die Noten der anderen nehme ich kaum wahr, dann bin ich dran, dreimal zweistellig, ich kann es kaum glauben, ich freue mich so sehr. Sie verlesen auch die Gesamtnote, ich habe leider mein Ziel nicht erreicht, aber das ist mir in diesem Moment egal. Ich habe es geschafft, es ist vorbei.

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