Meine mündliche Prüfung im ersten Staatsexamen | Pt. 1

Meine mündliche Prüfung im ersten Staatsexamen | Pt. 1

Heute ist es endlich soweit, heute habe ich meine mündliche Prüfung. Ich fiebere schon lange auf diesen Tag hin, gefühlt jeder hat seine Prüfung bereits hinter sich, ich bin als Eine der Letzten an der Reihe. Ich höre seit fast zwei Wochen Erfahrungsberichte, nach denen ich teilweise gar nicht gefragt habe, aber ich verstehe die Anderen – irgendwie muss man dem Luft machen, was man da erlebt hat, irgendwie ist es ja doch eine völlig neue Erfahrung für uns. Mündliche Prüfungen sind im Jurastudium bis zum Staatsexamen nicht an der Tagesordnung. Irgendwie kurios, dabei ist Kommunikation und Sprache doch das Werkzeug jedes Juristen.

Es fällt mir schwer, mich für die zu freuen, die es schon geschafft haben. Nicht aus Missgunst oder Ähnlichem, sondern aus Neid. Ich möchte auch „fertig“ sein, frei sein. Der Schwerpunkt im Anschluss wirkt so nichtig im Vergleich zum Pflichtteil, die mündliche Prüfung definiere ich für mich als Abschluss, als „Ich habe es geschafft“, als „Es ist endlich vorbei“. Um mich herum also Freudensprünge, Erleichterung, durchgefeierte Nächte, endlose Netflixsessions. Und ich kann all das noch nicht fühlen, nicht nachempfinden, zähle quasi die Minuten bis zu meiner Prüfung.

Ich habe mich gut vorbereitet, ich fühle mich recht sicher. Ich habe Protokolle runtergeladen, um meine Prüfer einzuschätzen. Seit Wochen schaue ich mehrmals täglich Nachrichten, lese Urteile, beschäftige mich mit aktuellen politischen Diskussionen – mein Prüfer im Öffentlichen Recht prüft scheinbar ausschließlich aktuelles tagespolitisches Geschehen. Im Strafrecht lege ich einen Fokus auf den Allgemeinen Teil sowie Körperverletzungs- und Tötungsdelikte, ich kenne meinen Prüfer, er ist Dozent an meiner Uni. Er wirkt immer sehr nett, seine Klausuren aus dem Examensklausurenkurs behandeln tatsächlich immer Probleme des Allgemeinen Teils des StGB, der Gedanke beruhigt mich etwas. Zivilrecht macht mir Sorge, aus den Protokollen ist nichts rauszulesen. Es ist eine Frau, das weiß ich, und sie prüft querbeet. Da ist von Kaufrecht bis zu komplizierten Mehrpersonenverhältnissen im Bereicherungsrecht wirklich alles dabei, das lässt mich unsicher werden. Ich wiederhole einfach alles und hoffe auf das Beste.

Am Abend vor der Prüfung bin ich plötzlich sehr nervös, ich weiß überhaupt nicht warum. Ich erzähle immer, dass ich am liebsten nur mündliche Prüfungen hätte, weil ich so gerne rede und besser in Worte fassen als verschriftlichen kann, was ich sagen möchte. Dass mir Erklären mit Sprache leichter fällt als Erklären auf Papier. Ich bin selbstbewusst, ich bin offen, ich bin die Meisterin des Smalltalks, ich kann Aufregung verstecken. Und trotzdem bin ich nervös, kann die Situation nicht einschätzen.

Morgens wache ich auf, wobei von aufwachen kaum die Rede sein kann, ich habe wieder mal kaum geschlafen, eher gedöst. Es ist sehr früh, ich wohne ein ganzes Stück vom Gericht entfernt und bin auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Ich habe unglaublich viel Zeit eingeplant, niemals werde ich so viel Zeit brauchen, selbst wenn zehn Züge ausfallen sollten. Genügend Zeit beruhigt mich, gegen seine Macken kommt man eben kaum an. Und alleine der Gedanke, ich könnte zu spät kommen, lässt mir das Herz bis zum Hals schlagen.

Ich stehe auf, gehe ins Bad, schminke mich und werfe mir ein schwarzes Kleid mit dezenter Spitze an den Armen über. Dazu eine schwarze Strumpfhose und … hohe Schuhe? Irgendwie wird das erwartet, oder? Aber das bin so sehr nicht ich, ich mag hohe Schuhe nicht, trage sie wirklich nie, kann auch nicht wirklich darin laufen. Und weil ich immer mein eigenes Ding mache, lasse ich es bleiben und entscheide mich für schlichte Ballerinas, die vorne ein wenig spitz zulaufen. Trenchcoat und schon fühle ich mich, als würde ich gleich in eine Großkanzlei reinspazieren. Ein letzter Blick in den Spiegel, ich sehe gut aus. Ich fahre los, in einem kleinen Koffer habe ich all meine Gesetze und eine Flasche Wasser verstaut. Die Fahrt vergeht ziemlich schnell, Zug und Bus sind pünktlich, ich komme viel zu früh an. Ich habe noch über eine Stunde Zeit. Sollte ich etwas essen? Irgendwie ist mir so gar nicht danach, ich spüre eher ein flaues Gefühl im Magen. „Aber wann kannst du wieder essen?“, frage ich mich und entscheide mich für einen Abstecher zum Bäcker. Ich kaufe mir eine Brezel zum direkt essen und ein süßes Teilchen für später. Zucker kann ich sicherlich gebrauchen. Ich bleibe ein wenig dort sitzen, was soll ich so früh am Gericht? Da ist sicherlich noch niemand. Ich checke mein Handy, habe ein paar Nachrichten erhalten. Ich antworte allen kurz und knapp, ich wirke vermutlich unfreundlich, hätte das Beantworten lieber auf später verschoben, aber sicherlich haben alle Verständnis. Ich knabbere an meiner Brezel rum und werde von diesem Rumsitzen nur noch hibbeliger. Lieber am Gericht warten, die Sonne scheint, Vitamin D tut sicher gut und so mache ich mich auf den Weg.

Fortsetzung folgt …

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