Nach den Examensklausuren – zwischen Erleichterung und Leere

Nach den Examensklausuren – zwischen Erleichterung und Leere

Ich muss nicht mehr lernen – dieser Gedanke versucht sich in meinem Kopf einzunisten und doch kommt er nicht an. Gestern habe ich meine letzte Klausur des schriftlichen Examens geschrieben und damit meine Freiheit zurückbekommen. Jetzt liege ich hier, an einem Samstagmorgen um 11 Uhr, im Bett und das ist okay. Ich kann ohne schlechtes Gewissen rumliegen und tun, was immer ich möchte.  „Ich muss nicht mehr lernen“ rufe ich mir immer wieder in Erinnerung, ich realisiere es nicht. In mir dieser Tatendrang – oder doch Zwang? Dieses Nicht-Abschalten-Können, dieser immer präsente Gedanke an den Berg der Lernunterlagen – ist immer noch da. Und auch das ist okay. 

Wir verbringen ein wirklich schönes Wochenende. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so unbeschwert die Zeit mit meiner Freundin genießen konnte, es tut gut. Ich lache und das aus tiefster Seele. Ich kann Spaß haben, weil ich nicht von dem Gedanken an die mir später blühende Lernsession abgehalten werde. Die Zeit vergeht viel zu schnell, ich sauge jeden Moment auf, so viel Lebensfreude, so viel draußen sein, so viel sie und ich, es tut so gut. 

Zwei Tage sind vorbei, es ist Montag. Meine Freundin muss wieder arbeiten, ich bin alleine zuhause. Morgens lief alles wie gewohnt, aber als sie die Tür hinter sich schließt, fühle ich mich komisch. Was mache ich jetzt? Vorher (also vor den Klausuren) setzte ich mich an den Schreibtisch und blieb dort bis abends, es war quasi mein Job.  Und jetzt ist es fast so, als wäre ich arbeitslos. Aber gut, schließlich warte ich seit 1,5 Jahren auf genau diesen Tag, diesen Moment. Wie oft wünschte ich mir nichts tun zu müssen, frei zu sein, zu leben. Malte mir aus, wie ich die Zeit danach genießen werde. „Diese Zeit ist jetzt, also genieß sie auch“, fordere ich mich selbst auf. Ich verbringe den Tag im Bett, genau danach fühle ich mich. Es ist schön, ich schaue fast eine Staffel einer Serie.

Die folgenden zwei Wochen vergehen wie im Flug, ich hole alles auf. Freunde treffen, die ich eine halbe Ewigkeit nicht gesehen habe, Familie besuchen, Wohnung auf Vordermann bringen, das Netflix-Abo ausreizen, Sport machen, frei sein, atmen und fühlen. Und dann überkommt sie mich, ganz unvorbereitet: die schonungslose Leere. Alles, wonach mir der Sinn stand, habe ich gemacht, ich habe alles aufgeholt. Ich finde keine Ecke mehr zum Putzen, meine Freunde müssen lernen, meine Familie arbeitet. Niemand aus meinem näheren Umkreis befindet sich in der gleichen Situation und ich habe zu viel Zeit. Ich habe keine Aufgabe mehr und das wirft mich ein wenig aus der Bahn. Ich bin zwiegespalten – einerseits ist da immer noch diese unglaubliche Erleichterung, andererseits aber auch diese Unproduktitvität, dieses „was habe ich heute überhaupt geleistet“-Gefühl. Es fällt mir schwer in den Tag hineinzuleben, schon immer. Ich mag das Gefühl, etwas zu tun zu haben. Frei haben, rausgehen, Ausflüge – all das finde ich schön, klar. Aber eben eine begrenzte Zeit, dann muss da wieder mehr sein.

Und genau das fehlt und das lässt mich die Zeit nicht mehr schätzen, sondern als verschwendet ansehen. Ich falle in eine Art Loch, ich liege viel im Bett, steigere mich in dieses Gefühl hinein. Es fühlt sich an, als hätte ich meinen Lebensinhalt verloren. Aber irgendwie ist es doch auch so, oder? Das Lernen hat mein Leben definiert – seit Jahren. Mit Beginn des Studiums war Jura der Anfang und das Ende, die letzten 1,5 Jahre war da auch nicht viel mehr. Wenig Zeit für Privates, die Gedanken irgendwie immer bei dem anstehenden Examen. Und all das – plötzlich weg. Und zurück bleibe ich ohne Aufgabe. Kurzzeitig assoziiere ich all das mit einer Trennung, ich trauere nicht und ich wollte das Ende, aber irgendwie überkam es mich dann doch .. unerwartet. Meine Gedanken schweifen zu den Examensklausuren, ich überdenke meine Lösung, stelle vieles in Frage, mache mich verrückt. Meine Freundin meint, ich solle mir eben eine neue Aufgabe suchen, irgendwas Erfüllendes. Ich denke viel nach über diese Aufforderung, was erfüllt mich denn? Zeit für Hobbys war verhältnismäßig rar gesät in der Examensvorbereitung, habe fast vergessen, was mir Freude bereitet. Bis es mir wie Schuppen von den Augen fällt: das hier ist es, das Bloggen, das Schreiben allgemein. Ich packe meine Gedanken gerne in Worte, lasse andere an meinem Gefühlsleben teilhaben. Damals, kurz nach den Klausuren, beschränke ich mich sehr auf juristisch erklärende Beiträge, bin eher zurückhaltend mit Posts hinsichtlich dieser doch sehr intimen Gedanken. Erst später werde ich entdecken, dass diese Verletzlichkeit und Ehrlichkeit mich ausmacht, dass andere sich dadurch verstanden fühlen, dass das Aufgeben der emotionalen Grenzen mein Weg ist.

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