Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 3

Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 3

In der zweiten Examenswoche stehen gleich vier Klausuren an. Montag noch ein letztes Mal Zivilrecht, Dienstag und Donnerstag Öffentliches Recht und das krönende Ende bringt Strafrecht mit sich. Die Woche fliegt nur so an mir vorbei, ich nehme die Tage kaum wahr. Meine Hand schmerzt immer mehr, die wenigen Stunden zwischen den Klausuren geben ihr kaum genug Zeit zur Erholung. Mein kleiner Finger ist rot und wund vom endlosen Schreiben, ich bin müde, ich bin ausgelaugt, meine Akkus sind von Tag zu Tag leerer. Irgendwie ziehe ich es durch, ich denke nicht viel nach. Ich schreibe und schreibe und versuche das jahrelang Erlernte sinnvoll auf Papier zu bringen. Nachmittags schlafe ich, liege rum, schaue Serien, esse Ungesundes, das Lernen nach den Klausuren habe ich längst aufgegeben.

Die letzte Zivilrechtklausur läuft so lala, ich habe mich daran gewöhnt und akzeptiert, dass ich kein gutes Gefühl haben werde – allein mein Perfektionismus lässt mich sehr schnell zweifeln. Danach dann Öffentliches Recht, wovor ich den meisten Respekt hege. Lag mir einfach nie im Studium, wurde damit nicht warm, hat mich nie begeistert und gefesselt, Lernen war hier immer ein leidiges Thema. Immerhin deckt eine der beiden Klausuren Polizeirecht ab, gedanklich mache ich tausend Freudensprünge. „Endlich etwas, das ich gut kann, yes yes yes“ und ich schreibe motiviert und voller Elan fünf Stunden durch. Es läuft gut, ich weiß, was ich prüfen muss, darauf war ich vorbereitet. Anders dann schon wieder bei der zweiten ÖffR-Klausur, aber nun gut.

Ich fiebere dem Freitag entgegen, das Ziel ist so nah. Die Tage vergehen so schnell und gleichzeitig so langsam, ich will nur noch, dass es vorbei ist. Mittwoch ist mein „freier“ Tag zwischen den Klausuren, ich versuche irgendwie zu lernen, vor allem Strafrecht. Gelingt mir nicht wirklich, ich bin zu müde, letztendlich lese ich nur ein paar Karteikarten durch. So hangele ich mich durch bis Freitag, meistens geht es mir gut. Ich bin morgens nicht mehr aufgeregt, es ist zur Routine geworden. Schlafen klappt wieder besser, den Weg kenne ich auswendig, ein Schokobrötchen im Café, Treffen mit meinen Leidensgenossen und dann fünf Stunden in der Kammer des Schreckens. Nur meine Hand und der Unterarm werden immer schlimmer und ich immer ausgelaugter.

Am Freitag, kurz nach 13 Uhr ist es soweit. Ich gebe die Klausur ab und bekomme meine Freiheit zurück. Ich fühle im ersten Moment gar nichts, ich realisiere es nicht. Ich packe meine Sachen zusammen, verlasse das Gebäude, davor stehen Menschenmassen mit Bierkästen und Sektflaschen, um mit den Examenskandidaten das Ende der Klausuren zu feiern. Ich kenne kaum jemanden, keiner meiner Freunde hat mit mir zusammen geschrieben. Ich verliere hier und da ein Wort mit Bekannten, möchte aber eigentlich nur weg von hier. Auch wenn ich mich sicherlich irgendwo dazugesellen könnte – sowas ist einfach nicht mein Ding. Das meine ich gar nicht böse, aber Alkohol trinke ich nicht und außerdem will ich nur nach Hause.

Ich fahre nach Hause, mein Koffer ist schwer wegen der Gesetze und gleichzeitig ist der imaginäre Rucksack auf meinem Rücken viel leichter. Ich versuche zu realisieren, was hier gerade passiert. Ich bin frei – erstmal. Ich muss nicht mehr lernen. Ich kann nichts mehr tun. Ich muss nichts mehr tun. Ich bin frei. Wie ein Mantra strömen diese Gedanken durch meinen Kopf, ich verstehe ihre Bedeutung in diesem Moment nicht. Zuhause angekommen lege ich mich ins Bett und schlafe einfach nur. Irgendwann kommt meine Freundin nach Hause, ich erzähle ihr von allem, wir verbringen einen schönen Abend. „Du bist frei“ strömt immer wieder durch meinen Kopf.

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