Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 2

Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 2

Seit kurz nach vier Uhr morgens nicke ich immer nur kurz ein, schrecke jedes Mal hoch, ich habe unheimliche Angst den Wecker um kurz nach fünf zu überhören. Heute steht die zweite Examensklausur an und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passieren würde, falls ich verschlafe. Dabei ist das vermutlich das Letzte, was mir heute passiert. Ich habe besser geschlafen als in der vorherigen Nacht, mein Schlaf ist trotzdem sehr leicht. Zehn Minuten, bevor mein iPhone mit seinem nervigen Alarm losdröhnt, schalte ich den Wecker aus – erholsam ist dieses Dösen sowieso nicht. Ich lege den Arm um den Bauch meiner Freundin, kuschele mich an ihre Rücken und versuche positive Energie zu verstreuen.

Ich habe Angst vor heute. Gestern lief es irgendwie nicht gut, obwohl ich mich vorbereitet fühlte. Was, wenn es heute wieder blöd läuft? Was, wenn wieder etwas geprüft wird, das mir nicht liegt? Was, wenn ich durch das Examen falle? Was mache ich denn dann?
Ich schiebe die Gedanken weg, verbiete sie mir. Keine Tränen. Ich atme ein paar Mal tief ein, stehe auf, mache mich im Bad fertig. Hoodie und Leggins haben sich gestern bewährt, also kommen sie heute wieder zum Einsatz. Ich packe Reiswaffeln, geschnittenen Apfel, eine Banane und Schokolade in meine Tasche. Mehr schaffe ich (zeitlich) nicht, vor allem Brote gehen gar nicht, ich muss mundgerechte Stücke direkt in meinen Mund schieben können. Ob Reiswaffeln dann so klug sind? Egal, ich habe Lust drauf und tue wirklich alles, damit ich mich heute gut fühle.

Ich bin wieder viel zu früh fertig. Schnell tippe ich eine What’s App-Nachricht an meine Mutter, sie antwortet und schickt mir Kleeblätter und sehr viele Herzen. Irgendwann gehe ich los, die Fahrt vergeht viel zu schnell und plötzlich bin ich wieder da – wieder über eine Stunde zu früh. Ich hatte mir vorgenommen heute etwas später zu kommen, aber gegen meine Überpünktlichkeit werde ich wohl nie ankommen, finde mich besser früher als später damit ab. Ich spaziere Richtung Café, es ist eisig kalt draußen, ich friere. Ich kaufe mir ein Schokobrötchen, heute Morgen habe ich sogar Hunger. Die Tür geht auf und zwei Typen, die mit mir Examen schreiben, kommen rein. Wir kennen uns vom Sehen, wir haben das gleiche Repetitorium besucht. Sie grüßen mich ganz freundlich, ich biete ihnen die freien Plätze bei mir an. Wir unterhalten uns, es ist nett, wir reden über alles außer das Examen, es tut gut und lenkt ab. Irgendwann machen wir uns zu dritt auf den Weg Richtung Gebäude. Davor stehen alle Leidensgenossen bereits, von der Aufsicht wieder mal keine Spur.

Ich ärgere mich. „Wieso verspäten sie sich? Das ist doch unfair, wir leiden hier schon genug und müssen jetzt auch noch bei Wind und Regen VOR dem Gebäude warten.“ geht mir missmutig durch den Kopf und wieder einmal wundere ich mich über meine zickigen Gedanken, sonst bin ich doch nie so.
Irgendwann fahren deren Autos endlich vor, sie laden die Kisten mit unserem Schicksal aus dem Kofferraum und schließen auf. Heute keine Personenkontrolle, wir werden nur eingelassen, strömen alle vor zu den uns gestern zugeteilten Plätzen. Gleiches Prozedere wie gestern – alles an den Rand, nur das Nötigste am Platz, Kontrolle der Gesetze, Verteilen der Sachverhalte und es beginnt. Ich lese und lese und immer mehr gleitet mir die Fassung aus dem Gesicht. Schon wieder zum Großteil Schuldrecht, ich bin wirklich sprachlos. Alles, ausnahmslos alles hätte ich heute dankbar akzeptiert, aber nicht schon wieder Schuldrecht. „Keine Tränen, kein Durchdrehen, reiß dich zusammen“, sage ich mir und fange an.

Die Zeit verfliegt, ich gebe mein Bestes, ich schreibe und schreibe und bin bereits vor Abgabe fertig. Kein gutes Zeichen, oder? Ich gehe nochmal alles durch, aber nein, ich habe wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Ich packe meine Sachen zusammen, gebe circa fünf Minuten früher ab und gehe. Ich muss mich nicht beeilen, denn ich habe als Erste abgegeben. Ich atme vor dem Gebäude tief durch, von innen höre ich Stühle rücken, wirre Stimmen. Schnell weg hier, es ist offizielle Abgabe.

Zuhause angekommen lege ich mich auf mein Bett, es geht mir gut. Ich schreibe meiner Freundin, sie müsse heute nicht extra früher nach Hause kommen, ich komme klar. Auch heute habe ich kein wirklich gutes Gefühl. Es lief besser als gestern, ja – aber ein zweistelliges Gefühl verleiht mir diese Klausur auch nicht. Ist das normal? Fühlt man sich nach einer Examensklausur jemals richtig gut? In meinem Kopf schwirrt die Erinnerung an den Sachverhalt, ich hinterfrage, überdenke, analysiere meine Lösung. Wie Schuppen fällt mir von den Augen, dass ich eine wesentliche Norm übersehen habe – war sie überhaupt zu prüfen? Die Gedanken überschlagen sich, ich bin kurz davor mich hineinzusteigern. Wieder versuche ich mich zur Ruhe zu zwingen, so bringt das nichts, ich werde erst in ein paar Monaten erfahren, was Sache ist.
Ich versuche ein wenig zu schlafen, denn Schlaf war die letzten Tage definitiv Mangelware. Irgendwann kommt meine Freundin nach Hause, wir bestellen Pizza, es geht mir wirklich gut, so viel besser als nach dem ersten Tag.

Am nächsten Tag ist Wochenende, endlich durchatmen. Heute keine Klausur, ein wenig Ausschlafen habe ich mir vorgenommen. Klappt natürlich nicht, um kurz nach sieben bin ich hellwach. Ich verfluche kurz meine innere Uhr, beschließe dann aber das Beste aus dem Tag zu machen. Ich bleibe noch lange liegen, irgendwann frühstücken wir, starten ruhig in den Tag. Was würde ich ohne sie tun, schießt mir immer wieder durch den Kopf – sie ist wirklich mein Ruhepol. Ich versuche ein wenig zu lernen. Weiß nicht wirklich, was ich lernen soll – Montag noch einmal Zivilrecht und da muss doch eigentlich Sachenrecht kommen, oder? Danach dann aber Öffentliches Recht und Strafrecht, was ich kaum wiederholt habe seit zwei Wochen, mein Fokus lag so sehr auf Zivilrecht.
Im Endeffekt macht es keinen Unterschied, was ich lerne, denn ich kann mich kaum konzentrieren. So vergeht das Wochenende, wir unternehmen nicht viel, ich brauche Ruhe und muss Kraft tanken, denn noch immer stehen vier Klausuren bevor.

To be continued …

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