Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 1

Jura – Erstes Staatsexamen: Wie es wirklich war | Pt. 1

Es ist Donnerstag, gerade mal kurz nach 5 Uhr morgens. Ich stehe auf und gehe hellwach ins Bad. Geschlafen habe ich wenig bis gar nicht – vor Nervosität. Heute schreibe ich die erste Klausur meines ersten Staatsexamens – und puh, plötzlich bin ich ziemlich aufgeregt. Die Wochen und Monate war ich die Ruhe selbst, ganz bei mir und hatte Vertrauen auf mich und meine Fähigkeiten. Wollte mich nicht wie die Meisten völlig verrückt machen, sondern so ruhig wie eben möglich an diese Sache rangehen. Gelang mir auch gut – bis gestern. Drei Tage zuvor habe ich mir „freigenommen“, kein Lernen mehr, möglichst gut entspannen, lachen, Spaß haben, zur Ruhe kommen. Und das klappt wirklich gut, meine Freundin hat sich Urlaub genommen, wir genießen die Zeit. Am Tag vor der ersten Klausur spüre ich schon eine leichte Unruhe in mir, bin sehr reizbar und nah am Wasser gebaut. Und abends bekomme ich dann kein Auge zu. Aber gut, dieses nicht-schlafen-können kenne ich bereits von mir, das ist nicht neu. Immer, wenn etwas ansteht, dass mich in irgendeiner Weise emotional belastet, schlafe ich nicht mehr. Ich akzeptiere es, kuschele mich in den Arm meiner Freundin, versuche ruhig zu atmen, mein schnell schlagendes Herz zu verlangsamen und döse immer mal wieder ein. Ab vier Uhr starre ich nur auf die Uhr und warte, bis ich aufstehen kann.

Im Bad putze ich meine Zähne, reinige mein Gesicht, creme mich ein. Das Make-up bleibt im Schrank stehen – wozu auch? Ich werfe mir Hoodie und Leggins über, überprüfe zum hundersten Mal den Inhalt meiner Tasche, packe mir etwas zu Essen ein und dann habe ich noch viel zu viel Zeit. Ich sitze in meiner Wohnung rum, inzwischen bin ich wirklich nervös, ein bisschen übel ist mir auch. Schließlich fahre ich (viel zu früh) los, an den Weg erinnere ich nicht, irgendwie fühlt sich alles sehr mechanisch an. Auf meinem Handy trudeln zahlreiche „Viel Erfolg“-Nachrichten ein, ich ignoriere sie – dafür habe ich grade wirklich keinen Kopf. Obwohl ich letzte Nacht kaum geschlafen habe, bin ich nicht müde. Ich bin mehr als wach, spüre das Adrenalin förmlich. Das beruhigt mich, ich hatte unheimlich Angst müde zu sein.

Ich komme an, ich bin viel zu früh, ich suche zuerst das Gebäude. Ich finde es, da ist sonst fast niemand. Es regnet leicht, ich habe noch knapp eine Stunde Zeit bis zum offiziellen Beginn. Ärgere mich über meine Überpünktlichkeit, aber so war ich schon immer. Ich setze mich in ein Café, denke mir „Du solltest etwas essen, kurbel deinen Kreislauf an“ und kaufe ein Schokobrötchen. Ich sitze da, beantworte ein paar Whats-App Nachrichten und gehe schließlich circa 30 Minuten vor Beginn Richtung Gebäude. Inzwischen sind viele Leidensgenossen eingetroffen, ich kenne kaum jemanden. Einige stehen in Grüppchen, scherzen, lachen laut. Eine junge Frau sitzt auf Treppenstufen, liest sich mit halb wahnsinnigem Blick etwas durch. Andere rauchen eine Zigarette nach der nächsten. Wir warten alle zusammen, je näher der offizielle Beginn rückt, desto stiller wird es um mich herum. In unausgesprochenem Einvernehmen lassen sich alle plötzlich in Ruhe und wir warten. Die Aufsicht kommt zu spät, ich bin zu nervös, um mich zu ärgern. Personenkontrolle, Zuweisung des Platzes, alle Taschen und Jacken an die Seite, nur das Nötigste am Tisch. Es vergeht wieder unheimlich viel Zeit, wir sind weit über dem angesagten Beginn. Gesetze werden kontrolliert, allgemeine Hinweise verlesen, der Ablauf erklärt. Ein Mädchen trudelt verspätet ein und ich frage mich, wie sie zu spät kommen kann, obwohl wir hier schon viel zu spät dran sind. Im nächsten Moment tadele ich mich selbst für den Gedanken, vielleicht ist ihr etwas Blödes passiert, vielleicht kann sie einfach nichts dafür – dieses Examen lässt mich grantig werden.

Endlich werden die Sachverhalte ausgeteilt, wir dürfen sie erst umdrehen, wenn jeder einen bekommen hat. Seit ich an meinem Platz sitze, bin ich innerlich ganz ruhig. Ändern kann ich sowieso nichts mehr, einfach alles geben, bloß keine Tränen. Ein paar Reihen vor mir nimmt jemand irgendwelche Tropfen, eine andere Person öffnet zischend den Energy Drink. Ich drehe den Sachverhalt um, wir schreiben heute Zivilrecht. Drei Seiten Sachverhalt, puh. Ich überfliege und lese und merke, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildet. „Schuldrecht, scheiße!!“, denke ich mir und höre auf zu lesen. „Nein, nein, nein – alles, nur nicht Schuldrecht“ geht mir durch den Kopf. Ich versuche runterzukommen, das bringt so nichts, du darfst und willst dich nirgendwo reinsteigern. Ich trinke einen Schluck Wasser und beginne von Neuem zu lesen.

Die Zeit vergeht rasend schnell. Ich mache mir eine grobe Gliederung, habe aber Angst zu viel Zeit zu verlieren. Recht schnell fange ich an zu schreiben, was rückblickend keine gute Idee war. Ich schreibe und schreibe und schreibe, meine Hand tut weh, mein kleiner Finger ist leicht aufgeschürft, aber das Adrenalin lässt mich weitermachen. Ich höre nichts, habe Ohropax in meinen Ohren, esse und trinke zwischendurch, gehe zweimal auf Toilette und plötzlich ist die Zeit abgelaufen. Ich gebe so schnell ich nur kann diese Klausur ab, packe meine Sachen zusammen und verschwinde. Kopfhörer rein und los, bloß keine vermeintlichen Lösungsansätze meiner Kommilitonen hören. Ich fahre nach Hause, plötzlich bin so müde, leicht zittrig, fühle mich nicht gut. Ich komme zuhause an und die Anspannung fällt von mir ab. Ich weine. Die Klausur lief nicht gut, es war einfach nicht mein Thema. Ich bin völlig übermüdet, das Adrenalin ist weg. Ich liege auf dem Bett, schaue Netflix, meine Freundin kommt extra früher nach Hause. Ich lerne nicht mehr, ich versuche Kraft zu tanken, morgen steht Klausur 2/6 an.

To be continued ..

Diese Beiträge könnten dir auch gefallen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.