Vom sich verlieren und wieder finden

Vom sich verlieren und wieder finden

‚Ich werde auf jeden Fall Richterin‘, ‚Für mich geht’s in die freie Wirtschaft, habe schon mehrere Praktika bei X und Y gemacht‘ und ‚Für mich war immer klar, dass ich Strafverteidiger werde‘ – diese Sätze oder Sätze dieser Art höre ich in letzter Zeit ständig. Wir haben das Kapitel Uni irgendwo schon abgeschlossen, bewegen uns immer näher Richtung Ziel, laufen und rennen und fast atemlos kommen wir bald an. Darauf haben wir so lange gewartet, darauf haben wir so sehr hingearbeitet. Gelacht, geweint, gefeiert, viel zu viel gelernt, viele Sommer verpasst, zahllose Bücher gewälzt, zu viel Koffein konsumiert, große Schatten unter den Augen, geplatzte Adern in den Augen vom stundenlangen Starren auf das Gesetz, seitenweise Klausuren geschrieben, Sehnenscheidenentzündung gab’s kostenlos dazu und jetzt stehen wir hier – das erste Staatsexamen (fast) in der Tasche.

Und jetzt? Ja – was passiert denn jetzt? Einige haben klare Ziele, den Weg fest vor Augen. Nach dem ersten Staatsexamen den LL.M., danach sofort ins Referendariat und der Job danach ist (gedanklich) schon fest eingeplant. Und wirklich – das ist super. Ich freue mich von Herzen für Dich, falls Du zu dieser Sorte Mensch gehörst, die einfach einen Plan haben. Ich würde niemals auch nur ein negatives Wort darüber verlieren, denn Du bestimmst selbst darüber, was (für Dich) richtig oder falsch ist. Und – ich war auch mal so. Die ‚Vorzeige-Studentin‘ mit Zehn-Jahres-Plan.

Hat man mich während meines Studiums gefragt, in welchem Bereich ich später arbeiten möchte, war meine Antwort ohne jedes Zögern oder Zweifeln ‚Ich möchte gerne zur Staatsanwaltschaft‘. Was genau mich bei dieser vor Überzeugung strotzenden Antwort so sicher sein ließ, weiß ich rückblickend nicht mehr. Ich lieb(t)e Strafrecht und auch eine Tätigkeit am Gericht erschien mir wohl überaus reizvoll. Und nein, ganz vom Tisch ist diese Karrieremöglichkeit nicht, sicherlich ist es ein toller Job. Aber gleichzeitig fühlt es sich (für mich) derzeit nicht mehr richtig an.

Um komplett ehrlich zu sein – aktuell fühlt sich so fast gar nichts mehr richtig an. Ich habe mich sehr verändert, innerlich vor allem. Stelle viele meiner Entscheidungen und Werte in Frage, hinterfrage mich und meine Wünsche sehr intensiv. Was macht mich glücklich? Wo soll mein Weg hingehen? Wer möchte ich in der Zukunft sein? Was möchte ich vermitteln? Wem und wie möchte ich mit meiner juristischen Ausbildung helfen? Was erfüllt mich und macht mir täglich Freude? Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich denn gerne beruflich machen möchte, ist meine gedankliche Antwort „nächste Frage bitte, denn ich habe schlicht und einfach keine Ahnung“. Klassische juristische Berufsmodelle reizen mich (zurzeit) überhaupt nicht, nichts davon kann ich mir wirklich vorstellen, wenn ich eine Wahl treffen dürfte. Quittiert wird das oft mit Unverständnis, daher lautet meine gesprochene Antwort meist ‚Ich lasse das alles auf mich zukommen, erstmal Referendariat – da wird man sowieso nochmal geprägt“. Und sicher, so wird es auch sein. Einige Stationen werden mir mehr Spaß bereiten, anderen hingegen weniger. Das weiß ich. Und trotzdem fühle ich mich dadurch irgendwie leer.

Ich gehöre zu den Menschen, die gerne einen Plan haben. Die gerne auf etwas hinarbeiten, auf das große Ganze. Das Licht am Ende des Tunnels. Und dann ist es gleichgültig, wie lange der Tunnel ist, wie sehr und lange ich mich durchgraben muss. Dann akzeptiere ich die schmutzigen Fingernägel und die schmerzenden Oberarme vom Graben und mache solange weiter, bis ich angekommen bin. Das kann ich gut – durchhalten und darauf vertrauen, dass sich harte Arbeit auszahlt. Aber wie soll ich ehrgeizig und diszipliniert sein, wenn ich nicht weiß, in welche Richtung ich graben muss? Eine ganze Weile hat mir dieser Gedanke traurig gestimmt, in ein Loch gezogen. Warum hat jeder vermeintlich seine Nische schon gefunden, während ich völlig planlos bin?

Nach einer langen Phase des Zweifeln, des Resignierens, des Hinterfragens – kam die Akzeptanz. Ich akzeptiere, dass ich gerade keinen Plan habe – zum ersten Mal, seit ich denken kann. Dass ich nicht weiß, wo mein Weg mich hinführt. Dass vor meinem inneren Auge kein glänzendes Ziel leuchtet, das mich antreibt. Dass ich gerade einfach lebe und fühle und mich selbst in Zweifel ziehe, um weiter zu wachsen. Frühere Ziele lösche, in Klammern setze und das Feld erstmal leer lasse. Dieses ständige Suchen nach einem Ziel verbanne und ganz bei mir selbst bin. Denn dieses ständige Planen – ist nichts anderes als Kontrolle. Die ich gerne habe und nur ungern abgebe, vor allem, wenn es mich als Person betrifft.

Es ist okay, einen Plan zu haben. Aber es ist auch in Ordnung mal planlos zu sein. Ein- und ausatmen. Darauf vertrauen, dass das Leben sicherlich einen Plan für Dich hat und Du am Ende den für dich richtigen Platz  findest. Den du vielleicht nie gefunden hättest, wenn du immer gewusst hättest, welche Abzweigung du auf dem Weg des Lebens jetzt nehmen musst.

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