Das 1. Staatsexamen – der Ablauf und meine Erfahrungen

Das 1. Staatsexamen – der Ablauf und meine Erfahrungen

Nun ist es also endlich geschafft. Seit knapp einer Woche liegt das 1. Staatsexamen hinter mir – wobei das so nicht stimmt, denn bisher haben ich erst die schriftlichen Examensklausuren hinter mich gebracht. Immer wieder erreichen mich Fragen von euch, wie es denn mir denn jetzt erging während des Examens, wie dieses überhaupt abläuft etc. – heute werde ich euch ein wenig davon berichten.

1. Wie läuft das 1. Staatsexamen überhaupt ab?

Bei mir (ich habe in Saarbrücken studiert) setzt sich das erste Staatsexamen zusammen aus dem Pflichtteil (70% der Note) und dem Schwerpunktbereich (30% der Note). Im Rahmen beider Teile gibt es sowohl schriftliche Klausuren als auch eine mündlichen Prüfung. In welcher Reihenfolge man Pflichtteil und Schwerpunkt absolviert, bleibt dabei dem Studenten selbst überlassen. Den Pflichtteil kann man hier frühstens nach dem 8. Semester schreiben, erst dann wird die erforderliche Bescheinigung über ein „ordnungsgemäßes Studium“ ausgestellt. Der Pflichtteil beinhaltet dabei alles, was Gegenstand des Hauptstudiums war – also das komplette Zivil-, Straf- und öffentliche Recht (was genau geprüft werden kann, steht in dem JAG). Es ist das, was sich die meisten unter dem 1. Staatsexamen vorstellen. Den Schwerpunkt wählt man dann unter den an der Uni Angebotenen (frühestens nach dem 6. Semester und damit dem Ende des Hauptstudiums) selbst. Dieser dauert dann nochmal zwei Semester. Dazu aber mehr in einem eigenen Beitrag.

Somit hat man hier nach dem 6. Semester zwei Möglichkeiten: Entweder man beginnt mit dem Schwerpunkt und absolviert diesen ein Jahr später. Oder man beginnt mit der Vorbereitung auf den Pflichtteil (Besuch eines Repetitoriums oder eigene Vorbereitung) und schreibt diesen (frühestens) nach dem 8. Semester – also auch ein Jahr später – und schließt den Schwerpunkt danach an.

Der Pflichtteil beinhaltet hier sechs schriftliche Klausuren – drei davon im Zivilrecht, zwei im öffentlichen Recht und eine im Strafrecht. Die Reihenfolge der Klausuren ist dabei variabel und wird vom Prüfungsamt zu jedem Termin neu bestimmt. Ich hatte das Glück, die Klausuren in der oben genannten Reihenfolge schreiben zu dürfen und nicht durcheinander. Nachdem der schriftliche Teil geschafft ist, wartet man in der Regel ca. 2,5 Monate auf die Ergebnisse. Sollte man bestanden haben, findet 2 Wochen später die mündliche Prüfung statt. Sollte man durchgefallen sein oder mit der Note nicht zufrieden, hat man einen weiteren Versuch, den man innerhalb eines Jahres antreten muss. (Sofern man direkt nach dem 8, Semester schreibt – was ich nicht getan habe, deshalb weiß ich nicht allzu viel über den Ablauf – hat man einen zusätzlichen, dritten Versuch – den sog. Freischuss.)

2. Wie hast du dich auf das Examen vorbereitet?

Insgesamt habe ich mich 1 1/2 Jahre auf den Pflichtteil vorbereitet. Davon habe ich ein Jahr lang das Repetitorium bei Jura Intensiv besucht (einen ausführlichen Rückblick findet ihr hier) und ein halbes Jahr im Anschluss daran alleine gelernt.

Zu der Frage, wie ich während des Reps gelernt habe, habe ich an dieser Stelle schon einmal etwas geschrieben.

Nach dem Ende des Reps habe ich erstmal eine Woche pausiert. Das war nach dem doch sehr anstrengenden Jahr mehr als nötig. Rückblickend muss ich jedoch sagen, dass ich nicht wirklich entspannen konnte. In meinem Hinterkopf war immer der Gedanke des noch bevorstehenden Examens. Nach meiner kurzen Pause habe ich dann zunächst die liegen gebliebenen Bereiche aufgearbeitet – das waren bei mir vorrangig die zivilrechtlichen Nebengebiete. Im Anschluss daran habe ich dann meine kompletten Rep-Unterlagen nochmal durchgearbeitet. Das hat mich circa drei Monate gekostet. Einen Überblick dazu, wann ich was bearbeitet habe, findet ihr hier. Dabei bin ich die Übersichten nochmal grob durchgegangen, habe meine Karteikarten teilweise ergänzt oder neu geschrieben und die Fälle nochmal eigenständig gelöst.

Nach den drei Monaten habe ich eine zweiwöchige Pause eingelegt. Die verbleibende Zeit habe ich danach ausschließlich mit dem Lösen von Fällen, Wiederholen meiner Karteikarten und dem Besuch des Klausurenkurses an der Uni verbracht. Rückblickend kann ich sagen, dass das die wohl lerneffektivste Zeit für mich war. Immer mehr Lücken haben sich geschlossen, ich bekam einen Blick für das große Ganze und verstand Zusammenhänge. Das hat mir im Examen am meisten geholfen – dieses Verständnis für ein Rechtsgebiet.

3. Was würdest du rückblickend anders machen?

Natürlich habe noch keine Ergebnisse und weiß nicht, ob und wenn ja, mit welcher Note ich bestanden habe. Trotzdem würde ich behaupten, dass ich es rückblickend genauso machen würde. Ich ging insgesamt mit einem recht guten Gefühl in dieses Examen. Ich habe mich vor allem in den letzten zwei Monaten nicht mehr an Detailwissen geklammert, sondern versucht zu verstehen und die Basics zu verinnerlichen.

Oft werde ich gefragt, was ich denn unter den Basics verstehe. Und irgendwie ist das schwer zu erklären. Dabei geht es eben um die Grundstrukturen, die Hauptprobleme, das Standartwissen. Beispielsweise im Zivilrecht: Was hindert das Entstehen eines Anspruchs? Das sind zB die §§ 104 ff., §§ 116 ff., § 125 S.1, §§ 134, 138, § 139 BGB. Wodurch kann ein Anspruch wieder erlöschen? Das sind beispielsweise alle Gestaltungsrechte, Erfüllung, Unmöglichkeit und und und. Was hemmt einen Anspruch? Da sind vor allem Verjährung und Zurückbehaltungsrechte wichtig. Sowas müsst ihr im Kopf haben. Da habt ihr eine viel größere Chance, dass ihr das im Examen braucht als die 20. Theorie zur gestörten Gesamtschuld.

Oder auch im öffentlichen Recht: Ihr solltet eher darauf achten, dass ihr eine Klage ordentlich prüfen könnt oder dass ihr wisst, wie Verwaltungsakte aufgehoben werden können statt ewig auswendig zu lernen, ob der § 48 IV VwVfG auch auf Rechtsanwendungsfehler anwendbar ist. Natürlich ist es toll, wenn man so etwas weiß. Die Chance, dass genau DAS geprüft wird, geht aber schlicht gegen Null. Nebenbei macht es dich verrückt. Diese kleinen Miniprobleme – man wird sie nie alle beherrschen. Und dann wiederholt man und hat es vergessen. Dabei hatte man es doch vor zwei Wochen gerade erst wiederholt. Und dann dreht man durch. Und das ist – in der sowieso schon extrem emotional anstrengenden Lage kurz vor dem Examen – der Punkt, an dem du einen Nervenzusammenbruch bekommst. Deshalb leg dein Augenmerk auf eben solche Basics, das gibt dir ein gutes Gefühl. Und bringt dir so viel mehr.

Natürlich habe ich auch Streitstände gelernt. Aber eben die bekannten und ständig wieder geprüften Streitigkeiten. Wie behandelt man den ETBI rechtlich? Wie grenzt man Raub und räuberische Erpressung ab? Solche Probleme können eben in viele Klausuren leicht eingebaut werden, deshalb gehört sowas für mich auch zu den Basics.

4. Wie ging es dir während des Examens?

Rückblickend gesehen und im Vergleich zu anderen, die ich dort gesehen habe, ging es mir wohl recht gut. Natürlich war ich aufgeregt und gerade der erste Tag war emotional eine absolute Achterbahnfahrt. Abends machte mir dann auch mein Kreislauf einen Strich durch die Rechnung. Da kamen aber einfach viele ungünstige Zufälle zusammen – viel zu wenig Schlaf in der Nacht zuvor, die Anspannung wegen der ersten Klausur fiel ab, zu wenig gegessen, das Thema der Klausur lag mir nicht. Nach diesem Tag ging es mir aber körperlich und emotional relativ gut und ich habe die Strapazen ganz gut weggesteckt. Ich habe meistens recht gut geschlafen und die übrigen Klausuren mehr oder weniger entspannt geschrieben. Mir half es ungemein, wenn ich mir vor Augen gehalten habe, dass Ausrasten und Weinen absolut nichts bringt und dass ich keine Wahl habe. „Ich muss da jetzt durch“ – dieser Satz befand sich zwei Wochen dauerhaft in meinem Kopf. Und dann habe ich mich zusammengerissen und es einfach gemacht. Nicht geweint, nicht ausgerastet, sondern einfach geschrieben. Und danach bin ich nach Hause gefahren und habe mich ins Bett gelegt und geschlafen. Und nein, ich hab nach den Klausuren mittags nicht mehr gelernt. Das hätte ich vom Kopf her gar nicht geschafft. Ich war geistig so erschöpft, ich brauchte diese Pause. Lediglich am Wochenende und dem freien Tag zwischen den Klausuren habe ich ein wenig wiederholt. Jeweils aber auch nur 2-3 Stunden. Und ich würde es immer wieder so machen. Ich habe viel zu viele gesehen, die morgens mit rot umrandeten Augen erschienen und völlig am Ende waren. Sowas wollte ich mir nicht antun.

Es war definitiv eine harte Zeit, aber es ist machbar. So schwer es auch ist, man muss sich selbst immer wieder zur Ruhe ermahnen. Durchdrehen führt zu nichts. Das macht es nur schlimmer. Ich hatte auch eine Klausur, bei der ich weniger als keine Ahnung hatte. Ich wusste die Lösung einfach nicht. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte ein leeres Blatt abgegeben. Aber das ging eben nicht. Also habe ich mich fünf Stunden durch diese Klausur gekämpft und 14 Seiten niedergeschrieben, von denen man vermutlich 13 sofort in den Mülleimer werfen kann. Aber ich habe es versucht. Ich habe nicht geweint, sondern einfach mein Bestes gegeben. Und mehr kann niemand von uns tun.

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4 Replies to “Das 1. Staatsexamen – der Ablauf und meine Erfahrungen”

  1. Toller Beitrag! Ihr habt ein interessantes System. Hast du deine Schwerpunktprüfung eigentlich vor dem Pflichtteils-Examen gemacht? 🙂

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